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Rias Berlin – die Geschichte einer außergewöhnlichen Radiostation
von Dietrich von Thadden, Nachrichten-Chef RIAS Berlin 1983–1986

Am 1. Mai 1945 besetzten sowjetische Soldaten den „Reichssender Berlin“ im Funkhaus an der Masurenallee, heute Sitz des SFB. In der Nacht davor hatten die Deutschen das Funkhaus geräumt, ohne es zu zerstören. Am 4. Mai sendeten die Sowjets bereits Anordnungen der Militäradministration, nachdem sie die Leitungen zum Sender auf einem Gelände im Berliner Ortsteil Tegel, dem späteren Flughafengelände Tegel, wiederhergestellt hatten. (Der Sendeturm wurde während der Blockade von den Franzosen ohne Vorankündigung gesprengt.) Neun Tage später, am 13. Mai, begann der „Berliner Rundfunk“, ein regelmäßiges Programm zu senden, und entwickelte sich schnell zu einem Propaganda- und Agitationssender der Sowjets.

Im Juli 1945 rückten die drei Westmächte in ihre Sektoren in Berlin ein. Eine Einigung der vier Siegermächte über ein gemeinsames Rundfunkkonzept kam in der Folgezeit nicht zustande. Die Engländer hatten die Absicht, aus dem Haus des Rundfunks zu senden, das in ihrem Sektor lag. Die Sowjets aber weigerten sich, das Gebäude freizugeben und hielten es noch bis 1954 besetzt, obwohl der „Berliner Rundfunk“ bald in den Ostsektor umzog. Im August 1946 bezogen die Engländer ein Gebäude am Heidelberger Platz und ließen dort das Berliner Studio des NWDR einrichten, von dem später große Teile des Personals und der Einrichtung vom SFB übernommen wurden.

Schon Ende 1945 hatte das amerikanische Hauptquartier beschlossen, das kommunistische Meinungsmonopol in Berlin zu brechen. Vom 21. November 1945 datiert ein Befehl von Colonel Westerfield, in Berlin einen amerikanischen Sender zu errichten. Das war technisch schwierig: Erst wurde das Drahtfunknetz wieder aktiviert, über das die Berliner im Kriege die Luftlagemeldungen empfangen hatten. Aber im ganzen US-Sektor gab es nur 500 Drahtfunkanschlüsse und 1000 Telefonanschlüsse. Trotzdem nahm der DIAS am 7. Februar 1946 in einem ehemaligen Postgebäude seine Sendungen auf – zunächst von 17 bis 24 Uhr. Über zwei Langwellenfrequenzen wurde das Programm in das Drahtfunknetz eingespeist.

Als im August 1946 ein neuer Vorstoß der Westmächte scheiterte, den Berliner Rundfunk für alle vier Besatzungsmächte zu übernehmen, installierte die amerikanische Regierung einen Mittelwellensender im Ortsteil Britz, dessen Technik aus dem alten deutschen Soldatensender Belgrad und Teilen eines ausrangierten US-Senders bestand. Die Sendeleistung betrug zwar nur 800 Watt, aber aus dem „Drahtfunk im amerikanischen Sektor“ (DIAS) war der „Rundfunk im amerikanischen Sektor“ (RIAS) geworden, eine „freie Stimme der freien Welt.“

Die Sende- und Programmaufsicht für Rias Berlin lag beim „United States Information Service“. Die ausschließlich deutschen Arbeitnehmer wurden vom US Außenministerium bezahlt und unterlagen amerikanischem Arbeitsrecht. Erst Mitte der 50er Jahre beteiligte sich die Bundesregierung an den Kosten. Die deutschen Journalisten wurden in der ersten Zeit von amerikanischen Kontrolloffizieren genau beobachtet. So mussten die Texte aller Nachrichtensendungen vor Sendebeginn vorgelegt werden. Die Sieger trauten den Besiegten zunächst keineswegs.

Einer dieser Kontrolloffiziere war Robert Biberti, ein früheres Mitglied der berühmten „Comedian Harmonists“, die in den dreißiger Jahren musikalische Triumphe gefeiert hatten. Biberti war als Jude rechtzeitig in die USA emigriert und nach dem Krieg als amerikanischer Offizier heimgekehrt.

Im Programm von RIAS war viel Musik zu hören: Klassik, Unterhaltung und vor allem Musik, die in der Nazi-Zeit verboten war wie Jazz und Swing. 1947 wurde das RIAS-Symphonieorchester, das Kammerorchester und der Kammerchor gegründet, später das RIAS-Tanzorchester. Im Wortprogramm gab es objektive und ausgewogene Information, auch Interviews mit Ostzonen-Politikern wie Pieck und Grotewohl, aber auch ein Kinderprogramm: der berühmte Onkel Tobias fand sich erstmals am 6. Juli 1947 im Programm.

RIAS wurde bald ein Sender zum Anfassen: Während der Blockade vom Juni 1948 bis zum Mai 1949 fuhren wegen der häufigen Stromsperren zu Lautsprecherwagen umgebaute Militärautos der Amerikaner an allen wichtigen Plätzen der Westsektoren auf. Nachrichtensprecher verlasen von diesen Wagen aus die wichtigsten Nachrichten. Am 25. Dezember 1948 war erstmals das berühmte Kabarett „Die Insulaner“ im RIAS zu hören, das bis 1964 im Programm blieb und zu einem Markenzeichen des Nachkriegsberlins und des RIAS wurde.
Ab 1948 gab es die „RIAS-Kaffeetafel“ und das öffentlich tagende RIAS-Schulfunkparlament. Am 25. Dezember 1948 war erstmals die aus dem Titaniapalast im Bezirk Steglitz übertragene Kabarettsendung „Die Insulaner“ im RIAS zu hören. In den 70er Jahren wurde „Mit RIAS in die Ferien“ vom Platz der Republik vor dem Reichstag gesendet.
Im Jahr 1948 bekam RIAS sein eigenes Funkhaus in der Kufsteiner Straße 69, am 2. April 1993 in Hans-Rosenthal-Platz umbenannt. Am 6. Juli 1948 während der Blockadezeit zog RIAS Berlin in das durch Bomben beschädigte Bürohaus einer Tochtergesellschaft des berüchtigten Unternehmens IG Farben, das die amerikanische Besatzungsmacht beschlagnahmt und provisorisch repariert hatte. Das Programm lief nun rund um die Uhr. Am 1. November 1949 bekam RIAS in Hof in Bayern eine zweite Sendeanlage, die das Berliner Programm, das per Kabel durch die DDR nach Hof geleitet wurde, in den Süden der DDR ausstrahlte. Im Juli 1950 wurde die Sendeleistung auf 100 Kilowatt erhöht und ab Oktober 1950 sendete RIAS auf UKW.

RIAS hat sich niemals als Propagandasender, sondern immer als ein der Wahrheit verpflichteter Nachrichtensender verstanden. Viele prominente deutsche Journalisten haben ihr Handwerk beim RIAS gelernt, wie z. B. Jürgen Graf, Peter Schulze, Egon Bahr, Klaus Harprecht, Claus Bölling, Richard Löwenthal oder Friedrich Luft. Den Machthabern in Ostberlin war RIAS natürlich immer ein Dorn im Auge. In der DDR wurde RIAS-Hören zeitweise schwer bestraft und es gab Propagandasprüche wie: „Enten haben kurze Beine, RIAS hat besonders kleine“ oder „Der RIAS lügt – die Wahrheit siegt“ oder „Stellt Dein Nachbar RIAS ein, sag energisch: Lass’ das sein“ oder „Im RIAS kommt erst die Musik und dann die Hetze für den Krieg“ oder „Am Lügengift aus RIAS’ Munde ging mancher arme Tropf zugrunde“. Überall in der DDR wurden kleine, aber effektive Störsender gegen den RIAS installiert. Einer davon steht heute im Foyer am Fuße des Haupttreppenhauses im RIAS Funkhaus am Hans-Rosenthal-Platz. Frühere DDR-Bürger hatten ihn nach der Wende entdeckt und als Erinnerungsstück ins RIAS Funkhaus gebracht. Auch die Stasi, das weiß man heute, befasste sich mit RIAS Berlin, allerdings nicht sehr intensiv. Der Umgang mit dem amerikanischen Sender RIAS war der Stasi offenbar zu heikel, so dass die Arbeit den Sowjets überlassen wurde. Viele Geheimdienstakten über den RIAS lagern daher noch heute unerschlossen in Moskau.

Einige weitere Programmdaten: Februar 1951 „Wo uns der Schuh drückt“ mit dem Regierenden Bürgermeister; Februar 1951 die erste von 499 Krimifolgen „Es geschah in Berlin“; Juli 1951 das erste „Schulklassengespräch“ mit Ernst Reuter; 1958 der „Club 18“, Jazzmusik mit John Hendrik; 1959 die Konzertreihe „RIAS stellt vor“. Am 13. August 1961 lief zum ersten Mal das RIAS-Frühprogramm, eine politische und aktuelle Magazinsendung mit populärer Musik und Telefoninterviews. Am 7. März 1965 moderierte erstmals der unvergessene Hans Rosenthal das „Klingende Sonntagsrätsel“, das später als einzige RIAS-Sendung in das Programm des DeutschlandRadio übernommen wurde und heute von Christian Bienert betreut wird.

In den späten 60er Jahren bekam RIAS erstmals ernste finanzielle Probleme. Die Amerikaner wollten das Programm drastisch reduzieren und nur noch Nachrichten und Musik senden. Da griff Herbert Wehner, Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen, ein. Das Ergebnis war 1971 das RIAS-Statut, das den Sender als amerikanische Einrichtung erhielt, den Bund aber verpflichtete, den größten Teil der Kosten zu tragen. Als Gegenleistung wurden die deutschen Mitarbeiter unter deutsches Arbeitsrecht gestellt. An der Spitze des Senders standen nun ein US-Chairman und sein Stellvertreter, deren wichtigste Aufgabe die Berufung eines deutschen Intendanten war. Die RIAS Mitarbeiter waren Angestellte des deutschen Intendanten und kamen mit Hilfe dieses Kunstgriffs in den Genuss des deutschen Arbeitsrechts.

Der in Deutschland in den 60er Jahren beginnende Siegeszug der modernen Popmusik führte zur Einrichtung immer größerer Sendeplätze für den Jugendfunk, verbunden mit den Namen Richard Kitschigin, Nero Brandenburg, Gregor Rottschalk, Olaf Leitner, Barry Graves und dem legendären RIAS-„Treffpunkt“. Die auch für die westdeutschen Anstalten revolutionären Marathon-Sendungen „Rock over RIAS“ – sie umfassten die Abend- und Nachtstunden einer ganzen Programmwoche – führten in der DDR in kürzester Frist zum Ausverkauf von Leerkassetten. Immer wieder kamen zehntausende Fans zu RIAS Konzerten in der Waldbühne zusammen, aber der Höhepunkt dürfte das 3-tägige Pfingstkonzert 1987 „Concert for Berlin“ gewesen sein, das aus Anlass der 750-Jahr-Feier Berlins stattfand. RIAS 2 ist 20 Stunden (!) live dabei.

Nach einer Programmreform startete am 30. September 1985 auf der Welle des Zweiten Programms, das schon 1953 für Wiederholungen etc. eingeführt worden war, das junge Programm von RIAS 2. Es war bei den jungen Hörern durch seine aktuelle Musik und durch seine Werbefreiheit äußerst erfolgreich. Die Informationen wurden von RIAS 1 zugeliefert. Der nächste Schritt war die Gründung von RIAS TV am 22. August 1988 mit Sitz in der Voltastraße im Bezirk Wedding, dessen Frühprogramm während der Golfkrise sogar von der ARD übernommen wurde.

Das Ende von RIAS Berlin wurde eingeleitet mit dem Mauerfall am 9. November 1989, obwohl das in jenen ereignisreichen Tagen wohl kaum jemand bewusst war. Am 1. Januar 1990 trat ein neuer Intendant, Dr. Helmut Drück, sein Amt an. Im Sommer 1990 begannen Politiker sich erste Gedanken über die Zukunft des Senders zu machen und von „Abwicklung“ zu sprechen, da für das „Radio Im Amerikanischen Sektor“ mit der Wiederherstellung der deutschen Einheit kein Platz mehr war. Am 3. Oktober 1990, mit der offiziellen Wiedervereinigung Deutschlands, endete die amerikanische Oberhoheit. Ein Übergangsvertrag trat in Kraft. Im Mai 1992 übernahm die Deutsche Welle RIAS TV, das heute Deutsche Welle TV heißt und weiterhin aus Berlin als deutsches Auslandsfernsehen sendet. Am 25. Juni 1992 beschlossen die Ministerpräsidenten der Länder, RIAS 1, DeutschlandFunk und DS-Kultur in einen nationalen Hörfunk zu überführen. RIAS 2 wurde ausdrücklich davon ausgenommen und sendet seit dem 1. Juni 1992 als der Berliner Privatsender R.S. 2, der sich ausschließlich durch Werbung finanziert. Im Dezember 1993 unterschrieben die Vertreter Thüringens als Letzte den Staatsvertrag über DeutschlandRadio, das heute mit zwei Programmen aus Berlin (DeutschlandRadio) und Köln (DeutschlandFunk) zu hören ist.

RIAS Berlin, die freie Stimme der freien Welt, verstummte für immer am 31. Dezember 1993 um Mitternacht. Am 1. Januar 1994 tritt das Berliner Programm des DeutschlandRadios die Nachfolge von RIAS Berlin an, produziert weiterhin im traditionsreichen RIAS Funkhaus am Hans-Rosenthal-Platz, auf dessen Dach das denkmalgeschützte RIAS Zeichen weithin sichtbar ist.




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